Kollwitzstrasse 52 | Berlin-Prenzlauer Berg
Informationen zur Geschichte des Hauses Kollwitzstraße 52 in Berlin, Prenzlauer Berg

Vertiefende Texte


Der heiße Immobilienmarkt:
Grundstücksversteigerungen in der ehemaligen DDR

(Auszug aus: Uwe Rada, Mietenreport – Alltag, Skandale und Widerstand, Ch. Links Verlag, Berlin 1991, s. 59ff. – Mit freundlicher Genehmigung des Autors: www.uwe-rada.de )

 

 

[...] Anfang Dezember 1990 [...] 
[...] die erste Versteigerung von Ost-Immobilien auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Sollten die Ost-Mieter einmal mehr vom gründer­zeitähnlichen Boom des "heißen Immobilienmarktes" überrollt werden, oder handelte es sich bei einer solchen Veranstaltung lediglich um einen "ganz normalen" und darüber hinaus "fairen", weil "transparenten" Verkaufsvorgang, wie Auktionator Plettner meinte? Kamen mit den "Modernisierungsobjekten" auch die darin lebenden Menschen unter den Hammer? Auktionator, Mieter und Bieter konnten jedenfalls nicht über mangelndes öffentliches Interesse klagen.

 

"Wie lästiges Zubehör ..."

Berlin-Prenzlauer Berg, Kollwitzstraße 52. Hier, im Kiez rund um den Kollwitzplatz, wo bis 1943 Karl Kollwitz, der Ehemann der Namens­geberin Käthe Kollwitz, seine Arztpraxis betrieb, hat sich auch Ingeborg Beck niedergelassen. 1800 Patienten betreut sie im größten Berliner Altbaukiez. Die möchte sie, so Frau Beck am 12.12.1990 gegenüber der "BZ", "nicht wegen erhöhter Mieten im Stich lassen". Frau Beck ist eine von 13 Mieterinnen und Mietern des um die Jahrhundertwende errichteten Altbaus. Große Fensterfronten und noch größere Wohnungen - ein Traum für viele, nicht nur für die Mieter.

,,18. November (1990). Von diesem Tag an registrierte nicht nur Ronald Weiß, Pädagoge und Mieter aus dem zweiten Stock, einen merk­würdigen Andrang von ,Herren mit schwarzen Trenchcoats' in der Kollwitzstraße. Die unangemeldeten Herrschaften puhlten auch schon mal im Putz des Treppenhauses, um die Substanz des ,modernisierungsgeeigneten Altbaus' abzuklopfen." ("Frankfurter Rundschau", 13.12.1990)

Seit dem 3. Oktober sind sie wie eine Heuschreckenplage über's Land gekommen, die Damen und Herren in ihren schwarzen und metallic­grauen Limousinen mit Münchner, Hamburger oder Frankfurter Kennzeichen. Manche auf der Suche nach längst vergessenem oder verloren geglaubtem Familienbesitz, die anderen kalte und kühle Rechner auf der Suche nach dem Markt der Zukunft. Die Mieter der Kollwitzstraße be­fürchteten Schlimmes. Anfang Dezember 1990 wurde die Ahnung zur Gewißheit. Zusammen mit 13 weiteren »Objekten" stand die Kollwitz­straße 52, und mit ihr die betroffenen Mieter und Mieterinnen, zur Versteigerung. Man hatte es zufällig aus einer Anzeige in einer West-Berliner Tageszeitung erfahren. Termin: wenige Tage später, am 11. Dezember, 18 Uhr, Großer Saal des "Klubs der Kulturschaffenden", heute „Club von Berlin“, Otto-Nuschke Straße 2/3, Berlin-Mitte.

„Wir waren wie vor den Kopf geschlagen.“ Susanne Rothmaler, Psychologin an einer Poliklinik in Prenzlauer Berg, hatte ähnlich wie die anderen Mieter in der Kollwitzstraße 52 ihre Wohnung selbst in Schuß gebracht. Gasetagenheizungen waren eingebaut, Bäder gefliest und Die­len verlegt worden. Die Hausgemeinschaft hatte sich bei der Wohnungs­baugesellschaft Prenzlauer Berg nach einer Möglichkeit erkundigt, das Haus selbst zu kaufen und in Selbstverwaltung zu bewirtschaften. Doch die Gesellschaft winkte ab. Ein Privateigentümer allerdings hatte sich bis zum 1. Oktober 1990, zwei Wochen vor Ablauf der vorgesehenen (dann aber immer wieder verlängerten) Frist, nicht gemeldet. So wiegten sich die Bewohner in Sicherheit, bis zu jener öminösen Anzeige. »Kurz darauf", so Susanne Rothmaler, "brach hier ein wahrer Ansturm von potentiellen Interessenten aus. Es war schon richtig erniedrigend, zu erleben, wie die dicken Westler hier mit ihrem Mercedes vorfuhren, Einlaß in die Wohnung begehrten und uns, die wir das Haus seinerzeit mit so viel Mühe hergerichtet hatten, ansahen wie das lästige Zubehör, das sie halt eben mitkaufen müssen." („taz“, 10.12.1990)

Dem ersten Entsetzen folgte das Zusammensetzen. Auf einer Hausversammlung beklagte man sich in Anwesenheit des Auktionators vor allem über den kurzfristigen Termin und die Tatsache, daß man weder von der Besitzerin noch vom Auktionator Plettner etwas von der Versteigerung erfahren hatte. Selbst mitzusteigern, sah man sich kaum mehr in der Lage: »Unter Berücksichtigung der für die ostdeutschen Bürger erheblich schwierigeren Bedingungen (noch nicht ausgebautes Bankwesen, Kreditberatung und Kreditgewährung etc.) einen Kauf des Hauses überhaupt in Erwägung zu ziehen, ist die Frist zwischen erstmaliger Bekanntgabe ... und dem Versteigerungstermin ... entschieden zu kurz. Der immer wieder propagierte Gleichheitsanspruch ist damit eklatant verletzt, da es für potentielle ostdeutsche Bewerber unmöglich ist, sich an der Versteigerung zu beteiligen." In der Presseerklärung der Mieter hieß es darüber hinaus:

„Unabhängig vom Ausgang dieser Versteigerung Ostberliner Miets­häuser rufen die Mieter der Kollwitzstraße 52 alle Mieter in Ostberlin und Ostdeutschland auf, sich umgehend über die tatsächlichen Eigentums­verhältnisse der von ihnen bewohnten Häuser zu informieren, um nicht von Verkauf, Versteigerung, Kündigungen etc. überrascht zu werden, sondern diese schon im Vorfeld zu verhindern.
Nur durch umfassende Informationen sowohl über eventuelle Über­nahme der bewohnten Häuser in eigene Regie (Modelle des genossen­schaftlichen Wohnens, Unterstützungen durch die Kommunen oder an­dere öffentliche Institutionen etc.) als auch über die sich durch einen Besitzerwechsel ergebenden Folgen für die Mieter (Kündigungen, Mo­dernisierungen, Eigenbedarfsklagen, Mietvertragsänderungen etc.) kön­nen die wenigen Rechte der mit der westdeutschen Wohnungswirtschaft noch nicht vertrauten Ostdeutschen in den neuen Bundesländern gesi­chert werden.“

Die Presse reagierte durchweg positiv auf die Proteste der Mieter. Derart ins Schußfeld geraten, bemühte sich Hans Peter Plettner, "vom Senator für Wirtschaft bestellter und vereidigter Grundstücksauktio­nator", sanftere Töne anzuschlagen: Eine derartige Auktion sei letztlich "nichts anderes als ein ganz normaler Verkaufsvorgang, jedoch fairer als eine stillschweigende Veräußerung, bei der die Mieter vor vollendete Tatsachen gestellt würden". Außerdem, so Plettner, seien Mieterhöhun­gen »auch nur im gesetzlichen Rahmen auf der Basis des Einigungs­vertrages möglich". ("Tagesspiegel", 11.12.1990)

Das konnte freilich wenig beruhigen. Wie in West-Berlin, so ist auch im Ostteil der Stadt seit dem 3. Oktober eine Mieterhöhung nach §3 Miethöhegesetz möglich, vorausgesetzt, es wird mit privaten Mitteln modernisiert. Genau dies stand aber in der Kollwitzstraße zu befürchten.
Der in einer Auflage von 20 000 Exemplaren verteilte Auktionskatalog sprach jedenfalls Bände:

"Durch die Vereinigung der beiden deutschen' Staaten ist der Groß­raum Berlin sicher einer der interessantesten Immobilienmärkte Europas geworden, zumal man davon ausgehen sollte, daß die Hauptstadt Berlin Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland wird. "

Dieser Markt mußte freilich erst einmal ausgelotet werden. "Die erste Versteigerung sieht der Auktionator deshalb als eine Art Börse, auf der erstmals etwas wie ein ,objektiver Wert' für Immobilien in Ost-Berlin ermittelt werde." ("Tagesspiegel", 11.12.1990)
Der Skepsis gegenüber den Beschwichtigungsversuchen Plettners wurde mit dem Versteigerungskatalog neue Nahrung gegeben. Zur Koll­witzstraße 52 hieß es unter anderem:

„5geschossiger modernisierungsgeeigneter Altbau. Grundstücksgröße 792 m2• Vorderhaus mit rechtem und linkem Seitenflügel. 5 Garagen auf dem Hof Anhand alter Bauzeichnungen errechnet sich die Wohnfläche mit 1 520 m2, wobei sich bis auf die Wohnungen im 4. OG die Vorder­haus-Wohnungen bis in die Seitenflügel hinein erstrecken. Insgesamt 12 Wohnungen, davon eine Arztpraxis mit ca. 115 m2 Nutzfläche. (...) Alle Wohnungen haben Bäder und Toiletten. Die Treppe im Vorderhaus ist bis zum 2. OG in Marmor gehalten. Nicht ausgebautes Dachgeschoß mit einer Größe von 450 m2. Das Haus befindet sich in unmittelbarer Nähe zum historisch restaurierten Kollwitzplatz und der Husemannstraße.

Verkehrswert laut Gutachten ........................DM 875.000.-
Jahresmiete zur Zeit .......................................DM 14.000.-
Mindestgebot (Auktionslimit) ........................DM 495.000.-

zzgl. Auktionscourtage auf den Zuschlagspreis"

Die Ankündigung als "Modernisierungsobjekt" inmitten eines "der inte­ressantesten Immobilienmärkte" - Plettner sprach aus, was andere nur dachten. "Selbst bei einer Verdoppelung der Miete", so errechnete die "Berliner Zeitung" vor der Versteigerung, "müßte der neue Besitzer 17 Jahre warten, bis er den Einsatz wieder hereingewirtschaftet hat."

 

"Ihre Besorgnis ist völlig unbegründet"

"Die Bewohner des Hauses Kollwitzstraße 52 hatten gerade mal zehn Minuten ihre Transparente aus dem Fenster gehängt, da bog auch schon ein Polizeikonvoi um die Ecke. ,Sie haben das Haus besetzt?' fragte ein aus dem Wagen springender Beamter und wies auf ein entsprechendes Spruchband an der Fassade. Der Angesprochene bejahte, konnte aber ebenso wie seine Mitbewohner auf einen gültigen Mietvertrag mit der Wohnungsbaugesellschaft Prenzlauer Berg verweisen -abgeschlossen schon vor vielen Jahren. Hier, so klärte man den staunenden Beamten auf, handele es sich um eine Mieterbesetzung. " ("taz", 10.12.1990)

Der Versuch der Kollwitzstraßenbewohner, mit der Besitzerin, einer Charlottenburger Erbin, Kontakt aufzunehmen, hatte nicht den ge­wünschten Erfolg gebracht. Die alte Dame wollte offenbar schnellst­möglich verkaufen, schließlich war das Grundstück mit einer Hypothek von 200 000 DM belastet. Wenn man als Hausgemeinschaft die Verstei­gerung schon nicht verhindern und auch selbst nicht mitsteigern konn­te, so wollte man doch wenigstens ein Signal setzen, um die anderen Mieter in der Stadt für eine solche Problematik zu sensibilisieren. Unorthodox, wie Prenzelberger zuweilen sind, entschloß man sich, ne­ben der bereits erwähnten Presseerklärung, schließlich für die Form der "Mieterbesetzung", hängte Transparente aus dem Fenster ("Heute Kollwitzstraße, morgen ihr") und lud die Presse ein. Das Echo war überraschend. Die Mieter eines einzigen Hauses hatten es geschafft, die geplante Versteigerung bereits im Vorfeld in die Schlagzeilen zu bringen. Sehr zum Ärger von Hans Peter Plettner. Der schrieb am 10.12., einen Tag vor der Versteigerung, den Bewohnern der Kollwitzstraße:

"Sehr geehrte Mieterin, sehr geehrter Mieter, der bevorstehende Verkauf (Versteigerung) des Hauses, in dem sie woh­nen, hat, offensichtlich in Unkenntnis des wahren Sachverhaltes, Ihrer­seits zu Reaktionen geführt, die nicht notwendig waren.(...) Ihre Besorg­nis, daß
-die Wohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden,
-Eigenbedarfangemeldet wird,
-die Mieten erhöht werden,
ist völlig unbegründet.
(...)
Auf alle Fälle dürfen wir sie schon jetzt höflich bitten, die Plakate und Fahnen vom Haus zu entfernen, da es sich hier um eine rechtlich unzu­lässige Aktion handelt.
Mit freundlichen Grüßen
Hans Peter Plettner"

Man ließ sich freilich nicht einschüchtern und hielt an den für den Versteigerungstag angekündigten Protesten fest. Auch anderswo regte sich erster Widerstand. Hausbesetzer und Berliner MieterGemeinschaft riefen zur Kundgebung vor Ort, und auch die Mieter der anderen be­troffenen Häuser hatten ihr Erscheinen angekündigt.

 

"Ich bin Bieter, Sie sind nichts!"

Dienstag, 11. Dezember 1990, 18 Uhr. Die Dunkelheit hatte sich bereits über die leeren Straßen der Friedrichstadt gelegt. Naß war es und offen die Frage, wer denn nun die kalten Füße bekommen würde: Hans Peter Plettner, die Demonstranten oder das schick-schrille Bieterpublikum.
" Der große Musiksaal des ehemaligen Kulturbundclubs, in dem die Auktion unter der Leitung des West-Berliner Maklers Hans-Peter Plett­ner über die Bühne gehen sollte, war bereits lange vor Auktionsbeginn hoffnungslos überfüllt. Neben Bietern waren es vor allem Mieter der be­troffenen Ost-Berliner Häuser sowie Vertreter der von Räumungs-und Privatisierungsangst heimgesuchten Hausbesetzerszene, die diesen denkwürdigen Akt miterleben wollten. Da aus diesem Grunde einige der später erschienenen potentiellen Käufer keinen Platz mehr im Saal beka­men, forderte Plettner alle ,Nichtbieter' auf, den Saal zu verlassen - an­sonsten lasse er räumen. " („taz“, 12.12.1990)
So hatte sich Herr Plettner das nicht vorgestellt. Adresse, Ambiente, Angebot, alles stimmte und hatte Stil. Sollten ihm nun etwa die ungebe­tenen Besucher das Geschäft vermasseln? Die hatten freilich bis dato nichts anderes unternommen, als die handverlesenen Versteigerungsob­jekte mit Buhrufen zu quittieren. Was der Yuppie aus München vielleicht als diskreten Charme großstädtisch schmuddeliger Protestkultur emp­fand, brachte andere freilich in Rage: "Ich bin Bieter, Sie sind nichts!", echauffierte sich eine ältere Dame. Berlin ist schließlich eine Reise wert. Dies durchzusetzen, ließ Herr Plettner keinen Zweifel. Als die Demon­stranten auch nach der fünften Aufforderung den Saal nicht verlassen hatten, wurde die Staatsgewalt zu Hilfe gerufen. Die war nicht zimper­lich. Um sicherzugehen, daß der Veranstaltungsort hinterher wirklich "störerfrei" war, mußte man allerdings den ganzen Saal räumen. Sehr zum Unmut so manchen Bieters, von denen ein Großteil eigens aus Westdeutschland oder dem Ausland angereist war. Ein Reporter meinte gar gehört zu haben: "Komm Henry, wir gehen zu einer ruhigeren Auk­tion im Westen." ("BILD", 12.12.1990)

 

"Robin Hood der Mieter"?

Mit zweistündiger Verspätung fand die Versteigerung schließlich doch noch statt. Hans Peter Plettner zeigte sich auf der anschließenden Pressekonferenz ob der überstandenen Saal-Räumung und vor allem der erzielten Ergebnisse mehr als zufrieden: Die Masurenstraße 1a-2 in Pankow erzielte 830000 DM, das 69-fache der Jahreskaltmiete, bei der Treskowstraße 26, ebenfalls in Pankow, war der Hammer bei 610 000 DM gefallen.
Für das Hamburger Nachrichtenmagazin "DER SPIEGEL" waren solche Summen schlicht "astronomisch". Die neue Attraktivität des "heißen Immobilienmarktes" habe offensichtlich ganz neue Käufer­schichten erschlossen: "Vorbei sind die Zeiten, da Berlins Immobilien­branche ihr Stadt-Monopoly im Familienkreis spielen durfte. Rund 500 Freaks und Schicki-mickis aus München, Wien und Turin haben die hei­mischen Spekulanten aufgemischt. Die Neuen kamen, sahen und boten Traumpreise." ("SPIEGEL", 51/1990) In der Tat. Die bei der Auktion am 11. Dezember erzielten Verkaufspreise lagen im Schnitt 43 Prozent über dem ermittelten Verkehrswert. Da mußte selbst Altprofi Hans Peter Plettner eingestehen: "Diese Preise sind der Wahnsinn." ("SPIE­GEL“, 51/1990)
Die Kollwitzstraße erbrachte das höchste Versteigerungsergebnis. Für 1,05 Millionen DM, das 72fache der Jahresmiete, ging der Zuschlag an zwei Hamburger. Klaus Schmidt und Christoph Radke, Lehrer und Bildhauer von Beruf, hatten das Haus zwar erst am Vortag besichtigt, waren aber spontan begeistert: "Haus, Gegend und Mieter sind toll." ("Tagesspiegel", 13.12.1990) Mit 70 DM Bargeld und einem Scheck von 100000 DM nach Berlin gereist, wollten sie so gar nicht ins Bild des kalt kalkulierenden Spekulanten passen. "Wir wollen die Probleme gemein­sam mit den Mietern lösen. Vielleicht kommt es sogar zur Gründung ei­ner Mieter GmbH", so der 37jährige Schmidt. ("Berliner Morgenpost", 13.12.1990). Ob es sich bei den beiden Käufern allerdings tatsächlich, wie vom"Volksblatt" mit Erleichterung festgestellt, um den "Robin Hood der Mieter" handelte, blieb zunächst offen. Die Aussagen über die künf­tigen Mieten jedenfalls widersprachen sich. "Er (Schmidt, d. V.) habe bei einigen Mietern vorgefühlt und festgestellt, daß sie auch bereit sind, 2,40 DM pro Quadratmeter zu zahlen." ("Tagesspiegel", 13.12.1990) "Die Mieten für die Bewohner sollen in den nächsten fünf Jahren nicht mehr als fünf bis sieben Mark pro Quadratmeter betragen." ("Volksblatt",13.12.1990) Inzwischen sind Mieter und Besitzer übereingekommen, bei der Wohnungsbaukreditanstalt einen Antrag auf eine öffentlich geför­derte Modernisierung zu stellen. Bisher konnten die Stadterneuerungs­gelder allerdings nicht in Anspruch genommen werden. Der Grund: Im Landesamt für offene Vermögensfragen in der Klosterstraße ließ man sich, anders als im Falle Alte Schönhauser Straße 43/44, mit der Bearbei­tung der Eigentumsverhältnisse Zeit.
Am Abend des des 11. Dezember 1990 lud Hans Peter Plettner zum Buffet. Nicht ohne vorher die Pressekampagne gegen ihn gescholten zu haben, gab er sich, ganz im Trend des Tages, ebenfalls als Robin Hood und kündigte "eine Spende in Höhe von 5 000 DM für das Diakonische Werk im Ostteil der Stadt an, zweckgebunden für die Betreuung von Obdachlosen." ("Tagesspiegel", 13.12.1990)
Seine Courtage, das sei hier hinzugefügt, belief sich an jenem "histori­schen" Abend auf schlappe 600 000 DM. ("SPIEGEL", 51/1990)

 

Plettner unter Beschuß

Am 5. März bekam die Berliner MieterGemeinschaft einen Brief. Absender: ­
Hans Peter Plettner:

" Sehr geehrte Damen,
sehr geehrte Herren,
im Hinblick auf unsere nächste Auktion am 14. März '91 erfahren wir, daß sie den Mietern der von uns zu versteigernden Häuser das in Foto­kopie beigefügte Rundschreiben überreicht haben. (...)
Sie werden sich sicher an unsere erste Auktion in Berlin-Mitte erinnern, in deren Verlaufes zu Gewalttätigkeiten kam, die von der Kreuzberger Berufs-Besetzer-Szene initiiert wurde.
Ihr Verein war, jedenfalls indirekt, an dem Verlauf der Veranstaltung, die im übrigen nach Beendigung der gewalttätigen Demonstration zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligten zuende geführt wurde, beteiligt. Sie haben, wie uns mitgeteilt wurde, indirekt zur demonstrativen Gewalt mit dem Sender Radio 100 in der Potsdamer Straße aufgerufen.
Wir können nur hoffen, daß Sie sich zukünftig jedweder Aktivitäten, die nicht im Rahmen bestehender Gesetze legalisiert sind, enthalten wer­den.
Mit freundlichen Grüßen
Hans Peter Plettner"

Sollte die Versteigerung am 11.12.1991 doch nicht »zur vollen Zufrie­denheit aller Beteiligten" zu Ende gegangen sein? Oder waren es die für die zweite Versteigerung angekündigten Proteste, die Herrn Plettner sich im Ton vergreifen ließen? Was die Kollwitzstraße 52 betraf, so waren in der Tat Fragen offengeblieben. Es hatte sich nämlich im Nachhinein herausgestellt, daß das Gebäude im Jahre 1937 »arisiert" worden war. »Wenn sich bis zum 31.3.91 die jüdischen Vorbesitzer melden, ist das Haus laut Einigungsvertrag ihres", enthüllte die »taz" am 15. Dezember unter der Überschrift »Die Auktion war ein Flop". Ungeklärt war dar­über hinaus der Verfahrensweg: »Für einen Verkauf muß zudem der Magistrat eine Genehmigung geben, die eine Klärung anderweitiger Be­sitzansprüche voraussetzt. Der zuständige Sachbearbeiter hat sogar aus­drücklich .davon abgeraten, (im Falle der Kollwitzstraße) eine solche Genehmigung zu geben." »Ein anständiger Auktionator hätte so was nicht machen dürfen", kommentierte ein Mitarbeiter der Abteilung Fi­nanzen die voreilige Versteigerung der Kollwitzstraße 52 gegenüber der »taz" (15.12.l990). Hans Peter Plettner war unter Beschuß geraten.

»Die Berliner MieterGemeinschaft hat auf ihrer heutigen Presse­konferenz den Senator für Wirtschaft aufgefordert zu prüfen, ob der Makler Hans Peter Plettner seine spektakulären Versteigerungen immer mit der Seriösität und Gewissenhaftigkeit vorbereitet, die von einem ,öffentlich bestellten und vereidigten Grundstücks-Auktionator' er­wartet werden muß. " (Pressemitteilung der MieterGemeinschaft vom 14.3.1991) Es war unterdes bekannt geworden, daß Hans Peter Plettner nach ei­nem 1980 beim Landgericht ergangenen Urteil als »Täuscher" bezeichnet werden kann. »Diesen Fakt mußte der Wirtschaftssenator ... im Senats­pressedienst ebenso bestätigen, wie die Tatsache, daß Plettner 1982 vom Kammergericht verurteilt worden war, eine durch Täuschung beim Verkauf einer Eigentumswohnung ergaunerte Summe von 10000 DM samt Zinsen zurückzuzahlen." (»Die Wahrheit", 12.9.1985) Zu Konse­quenzen führten diese Enthüllungen allerdings nicht. Dem Senat wa­ren die Urteile nach eigenen Angaben bei der Bestellung Plettners zum Auktionator nicht bekannt, so die Antwort auf eine Anfrage der AL-Abgeordneten Ahme im März 1985. Der damals zuständi­ge Wirtschaftssenator hieß im übrigen Elmar Pieroth, heute Senator für Finanzen und verantwortlich für das »Landesamt für offene Ver­mögensfragen".
Nicht nur die Seriosität des Auktionators Plettner war von der Mie­ter Gemeinschaft in Frage gestellt worden, kritisiert wurde vor allem die preistreibende Funktion von Grundstücksversteigerungen. Der Markt werde durch die überhöhten Verkaufssummen angeheizt, und die Käu­fer müßten sich anschließend an den Mietern schadlos halten. Norma­lerweise, so die Mieterorganisation, sei ein Verkaufspreis vom 10fachen der Jahreskaltmiete üblich. Bei Plettners Auktionen wurde aber das 70 bis 103fache der Jahresmiete erzielt. "Jeder Ersteigerer muß versuchen, den gezahlten Kaufpreis wieder herauszuwirtschaften; üblicherweise rechnet man, daß ein Haus sich binnen siebenJahren amortisieren muß. Das be­deutet: Wenn ein Haus für das 70fache der Jahresmiete gekauft wurde (wie im Fall der Kollwitzstraße, d. V.), so muß die Miete schnellstmöglich um mindestens das zehnfache erhöht werden, damit der Käufer kein Verlustgeschäft macht. (Hat der Ersteigerer den Kaufpreis durch Kredi­te finanziert, so ist der ökonomische Verwertungsdruck noch wesentlich höher.)" ("MieterEcho", 226/1991)

Text Uwe Rada 

 


Anmerkungen der Verfasser zu einigen Angaben im Buch von Uwe Rada:

Der Autor hat seine Angaben zu einem großen Teil Zeitungsartikeln und Presserklärungen entnommen. Dementsprechend sind einige Fehler/Unklarheiten übernommen worden, die schon die Zeitungen teilweise fehlerhaft recherchiert hatten. (s. Artikel: Bildzeitung)

Zum besseren Verständnis folgende Erläuterungen von uns zu einigen Angaben im Buchtext:

“Das 70 bis 103fache der Jahresmiete“ bzw. die von der Berliner Zeitung errechneten 17 Jahre, die allein zur Amortisierung des geschätzten Kaufpreises benötigt würden, bezieht sich jeweils auf die zur Drucklegung des Versteigerungskataloges noch geltenden Mieten aus DDR-Zeiten ( für Wohnungen in Höhe von ca. DM 0,60/Qm) für das Haus.
(Am Tage der Versteigerung hatte aber schon die Ärztin Frau Beck zu ihrer eigenen Absicherung mit der alten Verwaltung einen neuen (West-)Gewerbemietvertrag abgeschlossen, der eine zwar moderate aber um ein Vielfaches höhere Miete vorsah. Es war im Dezember 1990 allen Beteiligten klar, daß die Mieten im Ostteil Berlins nicht auf dem Niveau der 1950er Jahre bleiben würden, die Kalkulation aus dem „Mieterecho“ war schlichtweg dumm.)

Die dem Tagesspiegel entnommene Aussage, Nicolaus Schmidt „habe bei einigen Mietern vorgefühlt und festgestellt, daß sie auch bereit sind, 2,40 DM pro Quadratmeter zu zahlen," gibt den tatsächlichen Sachverhalt falsch wieder. Der Entschluß, mitzusteigern, entstand mittags spontan (1) vor der Versteigerung in einem Gespräch mit zwei Mietern des Hauses. Dieses Treffen endete mit der Verabredung, daß wir, die Kaufinteressenten, bis vor der Versteigerung klären wollten, ob wir so schnell das erforderliche Geld für die Hinterlegung organisieren könnten (geschätzte 100.000 DM – tatsächlich waren es dann 176.000). Die Mieter wiederum wollten abklären, ob sie in der Mehrheit bereit wären, für eine Miete von ca. DM 2,40/qm ein Mietverhältnis mit uns einzugehen. Direkt vor der Versteigerung hatten wir per Telefon (von Westberlin aus, anders ging es nicht...) Zusagen über 150.000 DM zusammen (Hinterlegung per Verrechnungsscheck war möglich). Die Mieter hatten sich zwischenzeitlich getroffen und wollten sich auf das Abenteuer mit uns einlassen. Die geschätzte Miethöhe brauchten wir, um überhaupt eine Kalkulation für unser Maximal-Gebot zu erstellen. (s. hierzu: Link folgt)
Die scheinbar widersprüchliche Aussage zur Miete aus dem Volksblatt ( „5 bis 7 DM/Qm“) bezog sich auf unsere Aussagen für eine mittelfristige Mietentwicklung nach Sanierung, die wir auf der Basis unserer Hamburger Erfahrungen geschätzt hatten. (Diese Spanne wurde dann später für die Bewohner mit alten Mietverträgen im Haus tatsächlich sogar bis zum Jahr 2008 nicht überschritten.)

(1) Tatsächlich hatten wir uns das Haus am 11.12.1990 mittags nur aus Neugier anschauen wollen – wir hatten nachmittags eigentlich einen Besichtigungstermin in Kreuzberg, den wir dann ausfallen ließen. Der Entschluß, ins Haus zu gehen und mit den Bewohnern zu sprechen, entstand, als wir die Transparente am Haus sahen. Diese erinnerten uns an eigene frühere Protestaktionen im Hamburger Schanzenviertel: Wir hatten lange ein Transparent „Harrisburg ist überall“ von unserem Balkon hängen.

 

Berlin, 30. November 2009 - Christoph Radke & Nicolaus Schmidt

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