Kollwitzstrasse 52 | Berlin-Prenzlauer Berg
Informationen zur Geschichte des Hauses Kollwitzstraße 52 in Berlin, Prenzlauer Berg

Vertiefende Texte


Margarita Reichardt, geb. Cohen
bekannte Lebensdaten

Die orange markierten Bereiche () geben die Informationen an, die im Oktober 1994 von der Claims Conference recherchiert wurden. Die blauen Bereiche () markieren die Rechercheergebnisse des Verwaltungsgerichts Berlin, 22. Kammer. Die rot markierten Teile () wurden durch die Verfasser 2009 recherchiert. Die restlichen Informationen waren 1991 dem AROV (Amt zur Regelung offener Vermögensfragen) bekannt.

 

22.7.1881 Margarita Cohen Servin* wird in Lima als Tochter der aus Deutschland eingewanderten Juden German Cohen (und Sarah Lervin bzw. Servin* Anm.d.V.) geboren. (1)

12.3.1929 In einer Notariatsurkunde wird als Wohnsitz für "Frau Professor Margarita Reichardt geborene Cohen" wie für ihren Mann, "Herrn Professor Reichardt" die Gieselerstraße 21 in Berlin-Wilmersdorf angegeben. (2)

1932 Im Adressbuch von Berlin wird unter Bayrischer Platz 3 "Reichardt, M." als Eigentümerin ("E") aufgeführt. Unter den Bewohnern gibt es keinen Eintrag. (3)

1933 bis 1938 Im Adressbuch von Berlin wird unter Bayrischer Platz 3 "Reichardt, M." als Eigentümerin ("E") aufgeführt. Zusätzlich gibt es unter den Bewohnern den Eintrag "Reichardt, W. Professor Maler". (3) (Das Landeshauptarchiv Brandenburg gibt am 29.6.1995 für sämtliche Jahre bis 1943 in den von ihnen eingesehen Adressbüchern fälschlich nur den Eintrag "Reichardt, W. Professor" und für 1937-38 den Zusatz "E" an.)

18.1.1933 In einer weiteren notariellen Urkunde von diesem Tage wird als Wohnsitz des Ehepaars Reichardt nunmehr der Bayrische Platz 3 angegeben. Gegenstand der Urkunde ist eine "Straßenland-Veräußerung" an das Land Berlin "gemäß einer Verfügung des Bürgermeisters des Verwaltungsbezirks Schöneberg." (4)

06.09.1935 Aus einer Zwangsversteigerung erwirbt Frau Margarita Reichardt, geb. Cohen, das Haus Weißenburger Straße 22 im Verwaltungsbezirk Prenzlauer Berg von Berlin für 76.930.- RM. (6) (Frau Reichardt war die Hauptgläubigerin des Vorbesitzers Salomon Rotholz.) (5)

26.11.1935 Die Baupolizei Prenzlauer Berg genehmigt den von Frau Reichardt beantragten Umbau der beiden Wohnungen im 4.OG des Hauses Weißb. St. 22. (Teilung der Wohnungen, Neubau zweier Bäder; auf dem Bauplan findet sich die Unterschrift "Margarita Reichardt"; der Umbau erfolgt 1936.) (10)

24.3.1937 Margarita Reichardt verkauft das Haus Weissenburger Straße 22 an Frau Mathilde F. (geb. Reimann) für RM 93.500.-. Dieser Betrag setzte sich zusammen aus einer Barzahlung über RM 5000.- bei Vertragsabschluß (Quittung hat die Jahrzehnte überdauert und lag 1991 dem AROV vor), der Übernahme einer 1. Hypothek von RM 50.000.- durch die Käuferin, der Rückzahlung eines Betrages von RM 17500.- an diese Bank sowie die Zahlung eines Restbetrages von RM 17500.- ebenfalls an Frau Reichardt. (6)

1935 bis 1937 Weder Herr noch Frau Reichardt sind in den Berliner Adressbüchern als "Eigentümer" des Hauses Weissenburgerstrasse 22 ausgewiesen, selbst im Jahr 1935 wird noch Rotholz als "E" gelistet. (3)

1939 - 1943 In diesen letzten bis zum Kriegsende erschienenen Berliner Adressbüchern findet sich unter Bayrischer Platz 3 noch der Eintrag "E Reichardt, M. (Peru)" (E=Eigentümerin). (3) *

1944 - 1956 Aus diesen Jahren sind keine Hinweise über den Tod des Wilhelm Reichardt (s. 1957) bekannt.

29.10 1956 Um 10 Uhr wird die standesamtliche Heirat in Lima/Peru mit Juan Dagoberto García Ramos verzeichnet. Herr Ramos ist 36 Jahre alt und wohnhaft in der Calle López de Zuniga 310. M. R. wird in der Urkunde als Frau Margarita Cohen Servin** bezeichnet (mit ihrem Mädchennamen nach spanischer Namensgebung), sie ist an diesem Tage 75 Jahre alt, der Wohnsitz ist ebenfalls Calle López de Zuniga 310. (7)

25.1.1957 Für die "Witwe Margarita Reichardt geb. Cohen, wohnhaft Lima-San Isidro, Avenida Arequipa 3363 Dep.2" hat das Landesausgleichsamt ein Aufbaudarlehen zur Schaffung von 12 Wohnungen bewilligt (vermutlich zum Wiederaufbau des zerstörten Hauses am Bayrischen Platz 3) . "Die Geschädigte bekennt", von der Deutschen Genossenschafts-Hypothekenbank in Berlin-Charlottenburg diese Summe als Darlehen bekommen zu haben. (8)

14.9.1965 Frau Margarita Cohen verwitwete Reichardt, wohnhaft in Avenida Arquipa 3363 stirbt um 11:50 Uhr. Ihr Tod wird am folgenden Tag beim Standesamt von San Isidro, Lima / Peru, vom Angestellten Ricardo Oviedo Ramos, 45 Jahre und wohnhaft in Callao, angezeigt. Laut ärztlichem Totenschein ist die Todesursache "Herzschlag" (dt. Übersetzung). Margarita Reichardt, geb, Cohen war an diesem Tag laut Sterbeurkunde 83 Jahre alt (tatsächlich: 84), sie war peruanische Staatsangehörige und ihre Eltern werden namentlich genannt: German Cohen und Sarah Lervin*. (9)

 

 

*Dieser Adressbucheintrag widerlegt eine Auskunft des Brandenburger Landeshauptarchives von 1995, wonach Frau R.-Cohen nicht in den Berliner Adressbüchern für die Adresse Bayrischer Platz 3 gelistet gewesen sei. Dort sei 1937-39 ihr Ehemann Prof. Wilhelm Reichardt als (E) Eigentümer vermerkt gewesen. Die Tatsache, daß Frau R.-Cohnen 1939 neu als Eigentümerin in den Adressbüchern aufgenommen wurde, bedeutet wiederum, daß sie von den nationalsozialistischen Verwaltungen als peruanische Staatsangehörige betrachtet wurde. Dies hatte offenbar zur Folge, daß sie nicht wie andere jüdische Hausbesitzer seit 1938 (Vermögensverordnung für Juden) enteignet wurde. Für diese These spricht zudem, daß sie nach dem Krieg für den Wiederaufbau des Hauses am Bayrischen Platz einen Kredit beantragte (s.o. 1957). Damit erweist sich im Nachhinein die Entscheidung des Vermögensamtes (LAROV) aus dem Jahr 1998 als zweifelhaft, die Rückübertragung des Hauses allein an die Jewish Claims Conference vorzunehmen. Margarita Reichardt-Cohen war zwar jüdischen Glaubens, wurde aber offensichtlich in Deutschland nicht als Jüdin verfolgt.

** In den in Deutscher Übersetzung vorliegenden Urkunden aus Peru wird der mütterliche Nachnahme unterschiedlich wiedergegeben, vermutlich ein Übertragungsfehler, ebenso wird in einigen Dokumenten der Vorname Margerita statt Margarita geschrieben.

Über den Verbleib des peruanischen Ehemanns von 1956, Juan Dagoberto García Ramos, ist nichts bekannt. Nach unserem Wissen hat weder das Verwaltungsgericht noch die Claims-Conference den Verbleib des Ehemanns, der als Person 1995 bzw. 1996 bei der Recherche zum Haus Kollwitzstraße 52 aktenkundig wurde, erforscht.

 

Quellen:
(1) Leon Trathemberg Siederer, La Inmigracion Judia al Peru 1848 1948, 1987 o. Angabe des Ortes, S. 303, im Bestand des Ibero-Amerika-Institutes in Berlin.
(2) (Grundbuchamt ?) Schöneberg 3285 :Abschrift v. 15.3.1929 d. Urkunde Nr. 24 des Notariatsregisters für 1929, Notar und Rechtsanwalt Hugo Jarius. 1.Seite als Fotokopie vorliegend.
(3) Adressbücher der Stadt Berlin von 1931 - 1943 - Interneteinsicht am 28.8.2009: .....
(4) Grundbuchamt Berlin-Schöneberg, Urkunde nr. 155 des Urkundenverzeichnisses für Straßenlandveräußerungen der Stadt Berlin, Bezirksamt
(5) Grundakte des Schönhausertorbezirks Bd. 83 Blatt 2473, fortgeführt unter Amtsgericht Berlin-Mitte Abtl. 31, außer Kraft gesetzt 1976, eingesehen 1998 als Teil des Grundbuchs Berlin-Prenzlauer Berg des Amtsgerichts Berlin Mitte Blatt 03819.
(6) (1.) Bescheid des AROV zur Rückübertragung des Hauses Kollwitzstraße 52, Berlin, vom 11.12.1992 (beglaubigte Abschrift)
(7) Standesamtliche Heiratsurkunde vom 29.10.1956, Chancay, Peru; als Deutsche Übersetzung von der Deutschen Botschaft in Lima am 12.2.1957 angefertigt.
(8) Schuldurkunde über ein Aufbaudarlehen, Landesausgleichsamt Berlin, (vermutlich) 25.1.1957 (liegt als Fotokopie der ersten Seite vor.)
(9) Sterbeurkunde des Standesamtes San Isidro, Lima, Peru vom 16.9.1965, Deutsche "Abschrift" vermutlich 1960er Jahre
(10) Bauakte zum Haus Kollwitzstraße 52 in Prenzlauer Berg, Berlin, Baugenehmigung 1935 - eingesehen Januar 1991.

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2009-08-29